Ärmelkanal 2003


9. bis 23. August 2003


SY Mezzo Cento (Bavaria 50)
Team Seesegeln TFH Berlin



Samstag, 9. August

Dielette Marina Endlich. Nach 15 langen Stunden Autofahrt ab Berlin, derer zwei in dichtem Nebel, liegt gegen 10 Uhr morgens die Marina von Diélette/Normandie vor uns. Die Mezzo Cento ist schnell gefunden: Sie ist – wie sollte es anders sein – die Yacht mit dem höchsten Mast.

Nach ersten Shakehands mit der Vorcrew startet ein Einkaufskommando in Richtung Super U, um die Wasservorräte auf ein der unerträglichen Hitze entsprechendes Maß zu erhöhen. Die Entscheidung, dies nicht bereits in Berlin zu tun, erweist sich als goldrichtig: 1,5 l Wasser für 0,19 Euro – und zwar pfandfrei. So testen wir also die Belastbarkeit französischer Einkaufswagen: Die mehr als 100 Liter Wasser steckt unser Exemplar erfreulicherweise klaglos weg.

Da für heute noch kein Auslaufen geplant ist, bleibt genug Zeit, um in Ruhe das Schiff kennen zu lernen: Zunächst obliegt es Anna und Erik, unseren beiden Skippern, das Schiff ordnungsgemäß von der Vorcrew zu übernehmen. Erfreulicherweise befindet es sich in gutem Zustand; lediglich die Genua-Rollreffanlage macht etwas Sorge, da ihr eine Leinenführung abhanden gekommen ist.

Am frühen Nachmittag wird gebunkert: Nach einiger Räumerei ist tatsächlich alles gestaut, so dass der nun folgenden Sicherheitseinweisung nichts mehr entgegen steht. Rettungsinsel, Rettungswesten, Pyrotechnik, Winschen, Verbot des Überbordfallens – nach mehreren Stunden ist die Crew über sämtliche Risiken der Seefahrt hinreichend aufgeklärt.

Am Abend gibt’s noch eine Stärkung und eine Dusche, um daraufhin möglichst bald zur Ruhe zu kommen. Diélette ist ein Hafen mit Barre, und so beschert uns das Diktat der Gezeiten für den nächsten Morgen die unschmeichelhafte Auslaufzeit »0500«.



Sonntag, 10. August

Cap de la Hague Die nachtschlafende Zeit mag unschmeichelhaft sein; noch wesentlich unschmeichelhafter ist allerdings das völlige Fehlen eines jeden Windhauchs. Also motoren wir in Richtung Cap de la Hague, um dort wenigstens mit einem ersten Sonnenaufgang entlohnt zu werden.

»Der Kompass ist kaputt!« Unerfreulich, direkt am ersten Tag mit derartiger Unbill konfrontiert zu werden; die Kompassanzeige weicht vom KüG des GPS um mehr als 25° ab – kann ja gar nicht stimmen. Doch erste überschlägige Rechnungen zeigen, dass alles in bester Ordnung ist: Wir befinden uns schließlich mitten im »Race of Alderney«, einer der berüchtigten Stromschnellen des Kanals – und das auch noch zur Springzeit …

Um so spannender gestaltet sich die Navigation bis zum Zielhafen Cherbourg, denn noch ist der Ehrgeiz vorhanden, ausschließlich »klassisch« zu navigieren; die Leuchttürme am Cap de la Hague und auf Alderney geben dankbare Landmarken ab. Die Peilerei funktioniert für den Anfang ziemlich gut, und so liegen wir gegen abend tatsächlich in einer Box im Hafen von Cherbourg.



Montag, 11. August

Andreas am Steuer Das Auslaufen gestaltet sich erneut unerfreulich: Nach wie vor werden entscheidende Kästchen des Logbuchs mit »—«, »0–1« und »uml.« ausgefüllt – trotz großzügigen Sherryopfers zu Gunsten von Rasmus. Eigentlich kein Wunder, denn die Wetterkarte zeigt ganz Mitteleuropa als extrem gradientarmen Bereich. Also motoren wir einige Meilen, um dann in freiem Seeraum ein paar Motormanöver zu üben. Doch das Aufstoppen am Algenfeld erweist sich als nur mäßig praxisnah, und der fehlende Wind nagt an der Motivation von Crew und Skipper, so dass nach einiger Zeit nur noch Dümpeln angesagt ist – mit alibimäßig ausgeworfenen Angeln, was allerdings, wie sollte es anders sein, leider fruchtlos bleibt.

Aufregend gestaltet sich lediglich die Rückkehr nach Cherbourg: nachdem alle Boxen an den Gaststegen belegt sind, bleibt es an Sandra hängen, die 50 Füße in der unverschämt engen Gasse – gefühlte Breite 51 Fuß – zu wenden. Schließlich finden wir einen Liegeplatz an einem Steg ohne Landverbindung, an dem wir bequem längsseits gehen können. Also wird das Dinghi erstmals klargemacht, was wohl das erbaulichste Ereignis dieses Tages sein dürfte …

Durchhalteparolen werden laut: »Besser Flaute zu Beginn als zum Ende des Törns«. Erfreulicherweise trifft diese den Nagel auf den Kopf, wie sich im Verlauf der zwei Wochen zeigen wird.



Dienstag, 12. August

Mezzo Cento am Steg in Cherbourg Der freie Steg lädt geradezu dazu ein, An- und Ableger zu trainieren – und so verbringen wir den Vormittag recht kurzweilig mit Eindampfen, Aufschießen und Slippen …

Am frühen Nachmittag passieren wir die Außenmole von Cherbourg, um in östlicher Richtung einen noch zu bestimmenden Hafen an der französischen Küste anzulaufen. Doch nach einiger Rechnerei stellt sich heraus, dass der nächstgeeignete solche einen Schlag von runden 40 nm entfernt liegt – unter Motor kein Vergnügen. So fällt die Entscheidung, an der nächsten Kreuzung kurzerhand links abzubiegen: MgK 000°, Kurs St. Catherine’s Point, Isle of Wight. Die Skipperin haucht ein beglücktes »Ach, Cowes …«, so dass die Entscheidung gar nicht falsch sein kann.



Diesige Kanalpassage Offenbar billigt auch Rasmus unsere Entscheidung: Nachdem wir die französische Küste einige Meilen hinter uns gelassen haben, schickt er tatsächlich ein leises Lüftchen, das in den Abendstunden auf immerhin 3–4 Bft. auffrischt. Und dieses auch noch aus angenehmster Richtung, so dass wir voll-und-bei mit selten weniger als 7 kn in die Dämmerung segeln.

Pünktlich zum Erreichen der Hauptschifffahrtswege des Ärmelkanals ist es allerdings so diesig geworden, dass wir die großen Pötte kaum mehr als 60 Sekunden, bevor sie vor (oder freundlicherweise hinter) unserem Bug stehen, ausmachen können. Mit einer Ausnahme können wir jedoch unseren Kurshaltepflichten nachkommen und uns über die zahlreichen Bruttoregistertonnen freuen, die unseretwegen »frühzeitig und durchgreifend« ihren Kurs geändert haben. Inzwischen beunruhigt uns auch das tiefe Dieselbrummen, das beinahe ständig aus stets umstrittenen Richtungen zu hören ist, kaum noch.

Eine große Portion »Pasta al irgendwas« macht den Genuss dieser ersten Segelnacht des Törns perfekt.




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