Ärmelkanal 2003





Sonnenuntergang Was gibt es Schöneres, als einen traumhaft kitschigen Sonnenuntergang aus dem Cockpit einer Segelyacht zu verfolgen?

Eines gewiss:
Einen traumhaft kitschigen Sonnenuntergang aus dem Cockpit einer Segelyacht zu verfolgen und dabei nicht erst so spät ins Hafenhandbuch zu sehen, dass selbst bei schnellster Marschfahrt die ETA im Wunschhafen 20 Minuten nach letzter Öffnung der Hebebrücke zum Yachthafen liegt …

So kommt es, wie es kommen musste: Hafeneinfahrt Weymouth um 2120, Brücke zu, Vorhafen voll. Die Moorings in der vorgelagerten Bucht liegen derart exponiert, dass deren Nutzung per Skipperkommando ausgeschlossen wird. Da sie nicht innerhalb Dinghi-Entfernung zum Festland liegen, wäre ein Festmachen dort ohnehin nur ein schwacher Trost für entgangenes Guinness im Pub (der schon an der Hafenpromenade ausgeguckt worden war) und die augenscheinlich wunderbare Abendstimmung in Weymouth gewesen.

Shit happens.
Also Kurs Süd, um zur Umfahrung der Isle of Portland genügend Raum zu gewinnen – das vor der Südspitze der Insel setzende »Portland Race« gehört zu den turbulentesten Stromschnellen der englischen Südküste. Immerhin passt die Gezeit, so dass wir in sicherem Abstand zum Kap recht bald wieder gen Westen unterwegs sind. Als Zielhafen wird Torquay ausgeguckt, und zur Stärkung der Crewmoral kommt immerhin wieder Wind auf – wir segeln in die Nacht.



Freitag, 15. August

Schmetterling Im Morgengrauen dreht der Wind; platt vorm Laken dümpeln wir einige Meilen vor Torquay. Zum Ausbaumen der Genua oder Setzen des Blisters fehlen Deckshands und Nerven, und so wird fürs letzte Stück doch noch der Diesel angeworfen.



Festmacherschnecken Offenbar noch zu früh für den Hafenmeister passieren wir schließlich gegen 0800 die Mole von Torquay. Erst nach einigen Kringeln im Hafenbecken bekommen wir doch noch Antwort: »That you down there’n the harbour?«

Beim Anlegen ist die Freude nach der unfreiwillig durchsegelten Nacht so groß, dass auf dem Steg Mittelmeer-Motorboot-Festmacherschnecken gedreht werden.

Ja, natürlich dürfen wir das – und wer die Ironie dahinter nicht versteht, kann uns ohnehin gestohlen bleiben ;-)



Vorlesen im Cockpit Vormittägliche Vorlesestunde in der Plicht: Um sich und uns vor dem sofortigen Müdigkeitskollaps zu bewahren, greift sich Anna ein herrenloses Buch (die Eigentümerin hat sich wenig später geoutet) – und liest.

Und liest.

Und liest.

Das Happy End des Buches ist zeitgleich mit dem Unhappy End des Rotweins gegen 1700 erreicht – niemand konnte sich eine passendere Situation vorstellen, um sich Ildikó von Kürthys Seichtigkeiten einzuverleiben, und zur allgemeinen Überraschung kann Anna nach diesem Vorlesemarathon sogar noch sprechen …



Anna und Erik Dennoch, das Problem mit dem Rotwein ist nicht zu leugnen, und so verschlägt es Anna, Erik und mich vor dem endgültigen Abschlaffen ins nächstgelegene Pub. Nach dem ersten Guinness gibt’s Fish and Chips von nebenan, danach zur Abwechslung ein Guinness.

Wieder auf dem Schiff – es mag mittlerweile acht Uhr sein – formiert sich gerade der Rest der Crew zum Landgang; erklärtes Ziel: ein Pub. Nun, man will ja nichts verpassen. Also schließt man sich an, um noch bis zur Sperrstunde um 2300 hochalbern zur unvorteilhaft vorgetragenen Fernfahrermusik eines Alleinunterhalters zu tanzen.

Leider ist es Annas letzter Tanz des Törns, denn noch am selben Abend zieht sie sich eine Zerrung an der rechten Ferse zu – dem tückischen Spalt zwischen zwei Schwimmsteg-Modulen sei Dank :-(



Samstag, 16. August

Dartmouth Nach sanfter Überredung erklärt sich Anna bereit, ein Röntgenbild machen zu lassen. Umständlicherweise ist natürlich Samstag, so dass ich mit Anna im Schlepptau nach einigen Telefonaten und einer kurzen Taxifahrt in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses lande. Der Rest der Crew vertreibt sich die Zeit mit einem kurzen Manövertraining in der Bucht vor Torquay, doch entgegen unserer Befürchtung (und entgegen dem Ruf des britischen National Health Service) wirft Anna schon nach einer halben Stunde den ersten Blick auf das Bild: Es ist nichts gebrochen. Also ab ins Taxi zurück zur Marina, um unterwegs noch Chips für die gesamte Crew mitzunehmen (es wären wohl auch zwei Crews davon satt geworden …). Auslaufen am frühen Nachmittag; Ziel: Dartmouth.

Nach einem kurzen, aber dank schräg von achtern anlaufender Welle und raumem Kurs recht unangenehmen Schlag durchqueren wir die landschaftlich sehr reizvolle Mündung des River Dart. Der Hafenmeister lotst uns direkt an den Fähranleger vor der pittoresken Hafenpromenade. Sehr schön; wir müssen lediglich morgen früh zeitig ablegen, damit die Fähre ihr Plätzchen findet …

Sandra und Gerald machen sich unmittelbar auf zu einer Wanderung von unserem Liegeplatz in Richtung Dartmündung – ohne Frage außerordentlich lohnend. Dennoch zieht es der Rest der Crew vor, nach dem üblichen Anlegeschluck erst einmal zu duschen oder sich bei der Zubereitung von Daniels Käsesuppe zu engagieren; außerdem startet eine Delegation zur Auffrischung der bereits erschöpften Bier- und Weinvorräte – was zwar gelingt, doch der Bordkasse empfindlichen Schaden zufügt; der erstandene Rotwein erweist sich überdies als allenfalls saucentauglich.

Nach dem Abendessen macht sich der Großteil der Crew auf die Suche nach einem Pub – fündig werden wir schließlich in einem noblen Hotel, doch das zugehörige Pub erweist sich als außerordentlich gemütlich und sogar überraschend preiswert.




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