Ärmelkanal 2003




Mittwoch, 13. August

Gastflagge So motivierend die schnelle Überfahrt auch war – einige Seemeilen vor St. Catherine’s Point rächt sie sich: Unsere Stromrechnung ist obsolet geworden, da wir jetzt, mehrere Stunden vor der zunächst angenommenen Ankunftszeit, natürlich gänzlich andere Strömungsverhältnisse vorfinden. Mit nunmehr raumem Wind von 2–3 Bft. und runden 4 kn Fahrt durchs Wasser stehen uns für unseren Weg nach Cowes nur zwei Möglichkeiten offen, um nicht gegen den starken Strom einige Stunden auf der Stelle segeln zu müssen. Beide kommen allerdings leider nicht in Frage:

Also den Blick von Land und GPS abgewendet und fröhlich drauf los gesegelt – schließlich ist es das, wozu wir hier sind. Zum Trost fällt immerhin Sandra und Gerald die verantwortungsvolle Aufgabe zu, die englische Gastflagge unter die Steuerbordsaling vorzuheißen :-)



Unter Deck Am späten Vormittag haben wir uns endlich bis auf Höhe der Ostspitze der Isle of Wight vorgekämpft. Vor uns liegt das Hauptfahrwasser in den Solent und nach Southampton – extrem befahren und hinreichend unübersichtlich; doch unter nicht unerheblichem Verschleiß des Personals und seiner Nerven gelingt die zweimalige Fahrwasserquerung. Nachdem schließlich mit vereinten Sprach- und Funkkenntnissen noch ein Liegeplatz errungen wurde, machen wir gegen 1400 ziemlich erschöpft in Cowes fest.

Eine warme Mahlzeit muss her!



Cowes Entgegen aller Erwartungen ist die Marina des Segel-Mekkas Cowes keineswegs überbelegt – die berüchtigten Achterpäckchen, die während der Cowes Week hier üblich sein mögen, finden wir jedenfalls erfreulicherweise nicht vor …

So können wir uns über einen angenehmen Abend bei Käsespätzle (von Erik handgeknetet und frisch durchgedrückt) und Wein freuen. Das Unterhaltungsprogramm bietet erste Anlegeversuche einer Crew von etwa 12-jährigen Kindern: Ein ums andere Mal schiebt sich der Steven der nagelneuen Yacht im stumpfen Winkel auf den Steg; die gelassene Untätigkeit des freundlich grüßenden Skippers lässt jedoch auf ein solides Nervenkostüm und eine gute Versicherung schließen.

Auch der Sauberkeit an Bord wird nach der Überfahrt wieder Rechnung getragen: Zwei Maschinen Wäsche werden gewaschen und sodann auf und unter Deck an diversen Leinen in Stellung gebracht; zu einigen der im Salon trocknenden Kleidungsstücke werden sich allerdings erst am Ende des Törns die Besitzer bekennen …

Als erwähnenswert erweisen sich außerdem die Duschen im Hafengebäude, entkeimen sie doch vermittels ihrer Wassertemperatur jeden arglosen Nutzer zuverlässig und schnell.



Donnerstag, 14. August

River Medina Mond und Sonne meinen es gut mit der Crew: Erst ab 1230 setzt der Strom durch den Solent in westliche Richtung, so dass wir in Ruhe ausschlafen können, um dann zunächst die Tankstelle ca. eine halbe Meile flussaufwärts des von Industrie- und Hafenanlagen gesäumten River Medina anzusteuern.

Ein zweiköpfiges Einkaufsteam macht sich derweil auf den Weg, um fehlende nautische Veröffentlichungen zu beschaffen: Den heiß ersehnten McMillan Reeds Almanach (das bislang verwendete Plagiat »verwöhnte« uns nicht nur mit fehlenden Angaben zum Alter der Gezeit) und den fehlenden Admirality’s Übersegler »English Channel Central Part«. Schon über Walkie-Talkie verkünden die Einkäufer ihren Erfolg, woraufhin die ungeliebte deutsche Karte umgehend tief unter der Matratze der Steuerbord-Achterkoje versenkt wird.

Ein weiteres Einkaufsprojekt verläuft weniger erfolgreich: Die Information, dass das Ersatzteil für unsere Furlex »ganz sicher« beim Seldén-Importeur in Southampton am Lager wäre, entpuppt sich als Ente. Erfreulicherweise kann dies telefonisch geklärt werden, so dass uns die Überfahrt nach Southampton erspart bleibt – darauf hätte wohl niemand Lust gehabt, so dass wir nur mäßig unglücklich darüber sind, weiterhin mit der in den Bugkorb eingebändselten Reffleinenführung auskommen zu müssen. Der Vercharterer in Holland verspricht telefonisch ein weiteres Mal, das Teil sofort nach Eintreffen seiner Bestellung per Express an uns zu verschicken. Doch auch dazu wird es bis zum Ende des Törns nicht kommen.

Nachdem die Einkäufer wieder eingesammelt sind, biegen wir pünktlich um 1230 in den Solent ein und setzen Kurs auf die Needles, die westliche Ausfahrt des Solent, ab.



The Needles Dank des Gezeitenexpress liegt die Isle of Wight schnell hinter uns. Doch angesichts des phantastischen Wetters mit bester Sicht begleiten uns die Kreidefelsen der Westspitze der Insel noch lange bei jedem Blick übers Heck.



Cockpit Auf eine andere Begleitung müssen wir gegen Abend leider verzichten: Der Wind ist weg.



Anna Doch in Folge schnellen und entschlossenen Handelns der Skipperin steht innerhalb kürzester Zeit ein großer Topf Spaghetti mit Tomatensauce auf dem Cockpittisch, und die tiefstehende Sonne läutet ein gemütliches Hangout im Cockpit ein.




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