Sporthochseeschifferschein (SHS)
Im Frühsommer 2005 war das Thema SSS für die Mitglieder meines privaten Lerngrüppchens erfolgreich abgeschlossen. Trotzdem waren wir nicht bereit, auf unsere bewährten sonntäglichen Zusammenkünfte zu verzichten. Die Konsequenz: Auch der letzte Schein sollte noch in Angriff genommen werden!
Also ging es nach zwei gelungenen Törns (1.300 NM) im Herbst wieder ans gemeinsame Lernen. Nach einer anfänglichen Trödelphase, dann aber zähem Ringen mit Ortsstundenwinkel, Deklination und Corioliskraft, fanden wir uns schließlich am Wochenende des vierten Advents 2005 in den Räumen des Landessportbundes Berlin ein, um uns den offiziellen Hochseesegen zu verdienen …
Die Sinnfrage
Die Frage nach dem Sinn des »Scheinesammelns« ist sicherlich berechtigt. Ich plane derzeit weder eine Weltumsegelung noch eine Ozeanüberquerung. »Brauche« ich also den Hochseeschifferschein? Werde ich durch den SHS ein »besserer« Segler? Wohl kaum.
Warum also all die Kosten und Mühen?
Diese Frage lässt sich leicht beantworten: Weil es mir Spaß gemacht hat, und weil mich auch die theoretischen Aspekte der Seefahrt interessieren.
Schon lange hatte ich vor, mich mit Astronavigation zu beschäftigen. Nicht, weil ich sie als Redundanz zur terrestrischen und GPS-Navigation in der Praxis zu brauchen glaubte, sondern einfach aus Neugierde und Begeisterung für die traditionelle Methode. Die Prüfung war also ein willkommener »Tritt in den Hintern«, um mich ausführlicher mit der Materie vertraut zu machen, als ich es sonst getan hätte (tatsächlich hatte ich mich trotz guten Vorsatzes jahrelang überhaupt nicht damit befasst).
Natürlich sind nicht alle Bereiche des Prüfungsstoffs gleichermaßen interessant. Wer es zum Beispiel für unabdingbar hält, dass man als Segler jederzeit die Voraussetzungen für eine Drogenkontrolle auf hoher See nach dem Wiener Suchtstoffabkommen oder die Teilströme des großen nordpazifischen Stromrings herunterbeten kann, den kann man eigentlich nur bedauern. Doch der rechtskundliche Teil war in puncto Lernaufwand gerade durch die zeitliche Nähe zur SSS-Prüfung sehr überschaubar, und ein meteorologischer Blick über den Tellerrand schadet sicherlich auch nicht …
»Wenn du die SHS-Lernzeit statt am Schreibtisch auf einem Schiff verbracht hättest, wäre für das seglerische Leben sicher mehr dabei herausgekommen!« Wer so argumentiert, liegt vielleicht nicht ganz falsch, verkennt aber die Lage: Segeln ist im Winter in den von mir geliebten Revieren schwierig bis unmöglich; die genannte Alternative gibt es also nicht. Warum also nicht die kalte Jahreszeit für etwas theoretische Fortbildung nutzen? Sie mag in der Praxis nicht viel »bringen« – schaden wird sie aber mit Sicherheit auch nicht, solange man die eigenen seglerischen Fähigkeiten nicht auf Grund des erworbenen Papiers überschätzt.
Die deutschen Wassersportführerscheine weisen nun mal in erster Linie Theoriekenntnisse nach – wer sich seine Fähigkeiten als Skipper bescheinigen lassen möchte, sollte seine Mitsegler nach ihrer ehrlichen Meinung fragen oder den britischen Yachtmaster machen.
»Any young fellow with ordinary gray matter, ordinary education, and with the slightest trace of the student-mind, can get the books, and charts, and instruments and teach himself navigation. Now I must not be misunderstood. Seamanship is an entirely different matter. It is not learned in a day, nor in many days; it requires years.«
(Jack London, The Cruise of the Snark, 1913)
Der Schein
Der Sporthochseeschifferschein ist (wie auch der Sportseeschifferschein) ein amtlicher, aber freiwilliger Befähigungsnachweis – lediglich auf gewerblich genutzten Sportbooten und auf Traditionsschiffen ist er für weltweite Fahrt außerhalb der Randmeere (Nord- und Ostsee, Mittelmeer) vorgeschrieben.
Der SHS gilt weltweit auf allen Seegewässern.
Auch der SHS kann entweder für Fahrzeuge mit Segel- und Maschinenantrieb oder für Fahrzeuge ausschließlich mit Maschinenantrieb ausgestellt werden. Die Ausstellung erfolgt für die Antriebsart, für die auch der SSS erworben wurde; die SHS-Prüfung ist für Motorbootfahrer und Segler identisch.
Der Zusatzeintrag für Traditionsschiffer und Maschinisten unterscheidet sich nicht vom entsprechenden Eintrag im SSS – ist der Eintrag bereits vorhanden, wird er auch in den SHS übernommen.
Voraussetzungen
- Mindestalter 18 Jahre
- Sportseeschifferschein
- Nachweis von 1000 Seemeilen als Skipper, Coskipper oder Wachführer nach Erwerb des Sportseeschifferscheins (Meilen als stellvertretender Wachführer werden im Gegensatz zum SSS nicht anerkannt).
- Die Prüfung kann auch schon bei Nachweis von 500 Seemeilen abgelegt werden; die noch fehlenden Meilen müssen dann zur Scheinausstellung nachgereicht werden.
Die Prüfung
Die Sporthochseeschifferprüfung ist eine reine Theorieprüfung. Sie besteht aus schriftlichen Klausuren (ggf. mit mündlicher Nachprüfung) in den Fächern Navigation, Schifffahrtsrecht und Wetterkunde sowie einer obligatorischen mündlichen Prüfung »Handhabung von Yachten«. Der Prüfungsteil Navigation beinhaltet eine kurze praktische Prüfung zur Handhabung des Sextanten.
Wie beim SSS handelt es sich um Einzelprüfungen, die nach Belieben auch auf mehrere Termine verteilt werden können. Alle vier Teilprüfungen müssen innerhalb eines Zeitraums von 24 Monaten bestanden werden. Nicht bestandene Teilprüfungen können beliebig häufig, frühestens aber nach zwei Monaten wiederholt werden.
Zum Bestehen der Fächer Navigation, Schifffahrtsrecht und Wetterkunde müssen in der schriftlichen Prüfung jeweils 65% der Punkte erreicht werden; bei 55–64% wird mündlich nachgeprüft.
Anmeldung und Gebühren
Anmeldeformalitäten und Prüfungsgebühren entsprechen dem Sportseeschifferschein (Gebühren für die Praxisprüfung fallen natürlich nicht an).
Ablauf
Der Ablauf der SHS-Prüfung ähnelt dem der SSS-Prüfung; beide finden üblicherweise parallel statt.
Zeitplan für Samstag:
- 09:00 Uhr Begrüßung, Vorstellung der Prüfer
- 09:15 Uhr Navigation (150 min)
- anschließend Praxisprüfungen am Sextanten (5–10 min)
- 13:00 Uhr Schifffahrtsrecht (45 min)
- 14:00 Uhr Wetterkunde (45 min)
- 16:00 Uhr Mündliche Prüfungen »Handhabung von Yachten« (15 min)
Am Sonntag ab 09:00 Uhr Bekanntgabe der Ergebnisse vom Vortag und gegebenenfalls mündliche Nachprüfungen in Navigation, Schifffahrtsrecht und Wetterkunde.
Prüfungsfach Navigation
Schwerpunkte:
- Terrestrische Navigation und Gezeitenrechnung:
Entspricht weitgehend den Anforderungen beim SSS; lediglich das rechnerische Koppeln und die Großkreisnavigation kommen hinzu. Die Gezeitenrechnung muss nach A.T.T. erfolgen.
- Astronavigation und astronomische Grundkenntnisse:
Fraglos die härteste Nuss der SHS-Prüfung. Die Astronavigation dürfte für die Mehrheit der Scheinaspiranten völliges Neuland sein; es erfordert eine ganze Menge Zeit, sich in die teilweise doch recht abstrakten Modelle hineinzudenken. Schließlich wird man aber feststellen, dass alles »mit rechten Dingen zugeht« und gar nicht so kompliziert ist, wie anfänglich gedacht. Seit 2006 ist die Fixsternnavigation aus dem Anforderungskanon gefallen – das hört sich nach Vereinfachung an, aber leider ist die Ortsbestimmung nach Sonne, Mond und Planeten eher aufwändiger …
Die Ortsbestimmung erfolgt mit Hilfe eines Taschenrechners (am besten programmierbar; brauchbare Modelle z. B. von Casio ab 40,– €). Die Lösung der Aufgaben mit Hilfe der amerikanischen Höhentafeln Pub. 249 (bekannter unter ihrem ehemaligen Namen »H.O.-Tafeln«) ist seit 1.7.2010 nicht mehr zulässig.
Nicht vernachlässigen sollte man den Prüfungsteil »Astronomische Grundkenntnisse«; hier gibt es viele Punkte zu holen!
- Elektronische Navigation:
Fragen zu GPS, Radar, ECDIS, AIS und GMDSS. Loran-C ist seit 2006 nicht mehr Bestandteil des Prüfung.
- Handhabung des Sextanten (Praxisprüfung):
Erklärung des Instruments und seiner Bestandteile; Ermittlung und Behebung möglicher Fehler (Indexfehler, Indexberichtigung, Kippfehler). Kein Hexenwerk. Geht mit 4–5 Punkten in die Navigation (Gesamtpunktzahl 60) ein.
Mitbringen:
- Übungskarte BA 2656 (Stand 2005)
- Begleitheft (Ausgabe 2005)
- Navigationsbesteck
- INT 1
- Taschenrechner (ggf. programmierbar; Laptops und Palmtops sind aber nicht zugelassen!)
- Formelsammlung (die Verwendung eines selbstgemachten Formelblatts wurde einem Mitprüfling rigoros untersagt)
- Formblatt zur Gezeitenrechnung nach A.T.T.
- Ein eigener Sextant muss nicht zur Prüfung mitgebracht werden.
Prüfungsfach Schifffahrtsrecht
Schwerpunkte:
- KVR und SeeSchStrO
- Internationales Seerecht (beanspruchte Zonen der Küstenstaaten, Pflichten des Schiffsführers, Schiffspapiere, Drogen, Einschleicher, Piraterie)
- Seeunfälle
- Umweltschutz
- Radarplotten
Mitbringen: Radar-Plotsheet.
Prüfungsfach Wetterkunde
Schwerpunkte:
- Planetarisches Windsystem
- Meeresströmungen
- Tropische Wirbelstürme
- Passate
- Meteorologische Navigation
- Zyklonen der Westwindzone
Prüfungsfach Handhabung von Yachten (mündlich)
Dieser Pflichtteil wird seit Anfang 2006 geprüft. Da ich die Prüfung Ende 2005 abgelegt habe, fehlen mir persönliche Erfahrungen.
Nähere Informationen gibt’s beim DSV.
Aufgaben
Hier meine Prüfungsaufgaben (17. 12. 2005, Berlin) als PDF-Dokumente.
Da die Aufgabenbögen nicht mitgenommen werden dürfen, habe ich die Aufgaben aus dem Gedächtnis rekonstruiert bzw. während der Prüfung stichwortartig notiert. Der Wortlaut kann von den Originalaufgaben abweichen. Karten- und Astroaufgabe sind nicht im Detail enthalten.
Bücher und Materialien
Zusätzlich zu den bereits beim SSS genannten Büchern:
- Klaus Damm, Peter Irminger, Harald Schultz, Christoph Wand: Sporthochseeschifferschein; Delius Klasing, ISBN 978-3-7688-1820-9, 34,90 €.
Das unverzichtbare Lehrbuch zum Schein.
- Klaus Damm, Peter Irminger, Harald Schultz, Christoph Wand: Übungen und Aufgaben zum Sporthochseeschifferschein; Delius Klasing, ISBN 978-3-7688-1847-6, 19,90 €.
Übungsaufgaben für die Fächer (Astro-) Navigation, Schifffahrtsrecht, Wetterkunde – einschließlich je zweier Muster-Prüfungsaufgaben.
- Walter Stein, Werner Kumm: Astronomische Navigation; Delius Klasing, ISBN 978-3-87412-138-5, 12,– €.
Recht theorielastiges Lehrbuch zur Astronavigation – präzise, aber für den Einsteiger nicht unbedingt einladend. Ähnelt der Darstellung im grünen SHS-Buch.
- Gunther Herdam: Astronomische Navigation; Selbstverlag, 25,– €.
Sehr gute Darstellung des Themas. Zu beschaffen entweder direkt beim Autor oder in gut sortierten nautischen Buchhandlungen.
- Bobby Schenk: Astronavigation ohne Formeln – praxisnah; Delius Klasing, ISBN 978-3-7688-0259-8, 18,– €.
Ein tatsächlich sehr praxisnahes Lehrbuch der Astronavigation. Der Prüfungsteil »Astronomische Grundbildung« kommt sicherlich etwas zu kurz, dafür kommt der Leser sehr viel schneller zum Erfolgserlebnis der ersten Standlinie. Gute Beschreibung des Verfahrens mit den amerikanischen H.O.-Tafeln. Zur parallelen Verwendung mit den oben genannten theoretisch fundierteren Büchern unbedingt empfehlenswert.
- Karl-Richard Albrand, Hermann Junge: Formelsammlung Navigation; DSV-Verlag, ISBN 978-3-88412-170-2, 7,20 € (derzeit vergriffen).
Hilfreich in der Prüfung vor allem für Großkreisnavigation und Besteckrechnung. Leider unübersichtliches Layout und fehlendes Stichwortregister.
Wer seine SSS-Navigationsprüfung vor 2006 abgelegt hat, braucht für die SHS-Prüfung eine neue Übungsseekarte und ein neues Begleitheft:
- DSV-Verlag (Hrsg.): Begleitheft zum SSS und SHS, Ausgabe 2005; DSV-Verlag, ISBN 978-3-88412-449-9, 19,90 €.
Enthält die in der Navigationsprüfung benötigten Admiralty’s Tide Tables des Jahres 2005, Stromkarten, Auszüge aus den deutschen und britischen Leuchtfeuerverzeichnissen und die für die Kartenaufgaben erforderliche Deviationstabelle. Auch die für den SHS benötigten Auszüge aus dem Nautischen Jahrbuch 2005 sind enthalten.
- Britische Übungskarte 2656 (English Channel Central Part); Stand 2005, 10,&ndash €.
Die bis Ende 2005 in den SSS- und SHS-Prüfungen verwendeten Karten und Begleithefte von 1997 können nicht mehr verwendet werden!
Links
Zusätzlich zu den bereits beim SSS aufgeführten Links:
- Ein hervorragendes Tutorial zur Astronavigation findet sich auf kowoma.de – einschließlich des Highlights, sich Jahrbuchseiten für beliebige Tage erstellen zu lassen. Gleichermaßen empfehlenswert sind auch die umfangreichen Informationen zum GPS.
- Volker Lotzes Crashkurs Astronavigation bietet eine schnelle und anschauliche Einführung ins Thema.
- Eine weitere Einführung in die Astronavigation hat Frank Sauer geschrieben. Er bietet außerdem die prüfungstaugliche Navigationssoftware Astrosail für Texas-Instruments-Taschenrechner an.
- Bei Manfred Gatti kann man jede Menge Formblätter für Gezeitenrechnung, Astronavigation und Radarplotten kostenlos herunterladen. Außerdem werden Programme für Sharp-Taschenrechner verkauft, die auch in der Prüfung verwendet werden dürfen. Leider ist die Website recht unübersichtlich.
- Die amerikanischen Höhentafeln Pub. 249 (»H.O.-Tafeln«) können kostenlos als PDFs heruntergeladen werden. Band 1 (Fixsterne) gilt jeweils 4 Jahre vor bis 4 Jahre nach der angegebenen Epoche, Band 2 und 3 gelten »ewig«. In der SHS-Prüfung sind die Tafeln seit 2010 nicht mehr zugelassen; wer sich aber mit der klassischen Methode vertraut machen möchte, findet hier die passenden Unterlagen.
- Auf der gleichen Site lässt sich auch ein Blick in die amerikanischen Pilot Charts (Monatskarten) werfen, die bei der Planung von Ozeanpassagen eine zentrale Rolle spielen.
- Im National Hurricane Centre in Miami sitzen die Experten in Sachen tropische Wirbelstürme; auf der Website finden sich wertvolle Informationen zur Prüfungsvorbereitung.
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